Wenn Eltern nicht mehr alleine können – PROLOG und TEIL 1 von 7

… oder wie ich vom Hausarzt zum Angehörigen wurde

von Dr. Oliver Abbushi, veröffentlicht am 30. Oktober 2026

Hier erzähle ich in mehreren Teilen von meinem Vater und wie ich seine Betreuung als Hausarzt und Sohn über 16 Jahre organisiert habe. Zunächst zu Hause und dann im Seniorenheim. Ich berichte auch über die Herausforderungen und wechselnden Gefühlen, mit denen ich konfrontiert war und wie ich damit umgegangen bin. Ich gebe einige gute Tipps zum Mitnehmen.

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Prolog

Es war im Jahre 2009 als ich plötzlich einen Anruf von meinem Bruder erhielt. Mein Vater war in der Küche meiner Tante bewusstlos zusammengebrochen. Mein Vater war zu dem Zeitpunkt mit meinem Bruder im Ausland bei einem Familienbesuch. Mein Vater kam mit dem Notarzt ins Krankenhaus. Als wir dann am Nachmittag erneut telefonierten, war mein Vater in der Klinik in stabilem Zustand, aber weiterhin nicht ansprechbar. Er hatte einen schweren Schlaganfall und die Prognose war ernst. Wir sollten die Frage beantworten, ob Papa bei zu erwartendem Anschwellen des Gehirns in der Nacht intubiert und beatmet werden soll. Was für eine Frage, aus heiterem Himmel. Ich beriet mich mit meinem Bruder und wir entschieden gemeinsam, dass keine intensivmedizinischen Maßnahmen unternommen werden sollten. Wir waren uns sicher, dass unser lebensfroher Vater kein Ende als Schwerstpflegefall – und das wäre mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Konsequenz gewesen – erleben wollte. Es war für uns beide eine sehr schwierige Entscheidung und es war das 1. Mal, dass ich mich plötzlich für meine Eltern bzw. für meinen Vater verantwortlich fühlte und nicht umgekehrt.

Am nächsten Morgen klingelte das Telefon. Wie durch ein Wunder war mein Vater wieder aufgewacht. Das verschlossene Gefäß in seinem Kopf war wieder aufgegangen. Unser Vater konnte wieder sprechen und die Arme und Beine bewegen. Nur beim Gehen blieb ihm eine Schwäche im rechten Bein.

Als Konsequenz verfasste mein Vater eine Patientenverfügung.

Außerdem entschied er sich dafür ein Testament zu machen, damit für den Tag X alles in der Familie klar geregelt ist. Das Testament wurde notariell beglaubigt.

Durch ein frühzeitiges Testament kann man viel Unruhe und Streit in der Familie nach dem Tod vorbeugen. Ich finde Eltern haben die Pflicht ihren Kindern geordnete Verhältnisse zu hinterlassen.

Als Hausarzt habe ich viele Familien an diesem Problem zerbrechen gesehen.

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Testament (Beratung beim Erbrechtsanwalt, Notar)

Teil 1 – Wunderbare Jahre

Mein Vater und ich, wir hatten ein sehr enges und sehr liebevolles Verhältnis.

Leider ist er im November letzten Jahres (2025) im Alter von fast 89 Jahren verstorben.

Seinen ersten schweren gesundheitlichen Rückschlag hatte er vor 27 Jahren, dann einen Schlaganfall vor 16 Jahren, da war er 72 Jahre alt. Wie im Prolog beschrieben, erholte er sich wie durch ein Wunder. Was blieb war eine Schwäche im rechten Bein. Er konnte gehen, allerdings nicht mehr so schnell wie vorher.

Mein Vater wohnte damals alleine in Harlaching in einer schönen 3 Zimmer Wohnung. Er unternahm rituell täglich seinen Ausflug in die Stadt, in sein über alles geliebtes München. Er fuhr mit der U-Bahn und musste 1x umsteigen. Er hatte eine Isarcard, also eine Dauerfahrkarte. In der Innenstadt ging er nach einem kurzen Bummel immer in dasselbe Café so gegen 11:00 Uhr. Dort traf er oft auch Freunde, einige von ihnen Wegbegleiter über Jahrzehnte.

Er liebte es im Café zu sitzen und so blieb er dort oft mehrere Stunden, während andere gingen und kamen. Ja mein Vater hatte damals auch noch ein Auto, mit dem er gelegentlich insbesondere bei schlechtem Wetter auch fuhr.

Spätestens seit seinem Schlaganfall bemerkten wir bei ihm eine gewisse Vergesslichkeit, eine Form beginnender Demenz. Es war nicht so, dass er uns nicht erkannte, aber sie führte doch zu Problemen und Veränderungen in seinem Verhalten. Er hörte langsam auf sich selbst etwas zu kochen, er lud niemanden mehr zu sich ein und seine Kommunikation reduzierte sich langsam auf wenige enge Freunde und Familie. Er nahm alle Rechnungen mit nach Hause, er konnte nicht mehr unterscheiden, was man wegwerfen kann, und er fing plötzlich an seine Anziehsachen für den nächsten Tag auf dem Sofa im Wohnzimmer auszulegen. Auch die Inhalte unserer Gespräche und Diskussionen, die früher oft für mich spannend und hilfreich waren, flachten leider inhaltlich ab. Seine Antworten wurden immer knapper und ich hatte manchmal das Gefühl, dass er die Materie nicht mehr in der Tiefe durchdringt. Unabhängig davon spürte ich weiterhin die Zuwendung meines Vaters. Sätze wie: „Du machst das schon mein Junge, dein Papa ist stolz auf dich“, gaben mir viel Kraft und taten gut. Auch sein Gedächtnis wurde über die Zeit schlechter. Nach einigen Jahren konnte er am Abend nicht mehr sagen, ob und was er zu Mittag oder zum Frühstück gegessen hatte. 

Mein Vater hatte seit dem Schlaganfall 2009 einen Pflegegrad 3. Den Pflegegrad hatte ich direkt nach dem Schlaganfall bei der Krankenkasse beantragt. Die Einstufung erfolgte über den medizinischen Dienst Krankenkassen. Da mein Vater alleine wohnte, hatte ich einen Pflegedienst organisiert, der 2x täglich morgens und abends zum Waschen, Anziehen und Medikamente geben kam. Die Leiterin kannte ich, weil sie auch andere PatientInnen für unsere Praxis versorgte. Anfänglich war mein Vater dagegen: „Er brauche so etwas nicht, er sei kein alter Mann“. Mit demselben Argument hat er übrigens bis zu seinem Tode mit fast 89 Jahren Stock und Rollator strikt abgelehnt. Mir war wichtig zu wissen, dass regelmäßig jemand nach ihm sah. Ich überredete ihn es zu versuchen. „Die sind sehr nett und bleiben auch nicht lange“. Nach einigen Wochen hatte er sich so gut mit den Schwestern und Pflegern angefreundet, dass er die Leiterin auch immer mal anrief, um zu fragen wie es ihr gehe. Des Weiteren erhielt er ein Armband mit einem Notknopf, falls er zum Beispiel zu Boden fällt. Er hat diesen in der Folge auch 2x betätigt, allerdings ohne Notfall. Er unterhielt sich mit dem Sanitäter am anderen Ende der Leitung. Außerdem organisierte ich eine Haushaltshilfe, die im Hauptberuf Teilzeit als Krankenpflegerin arbeitete. Zum Glück hatte Vater eine gute Rente. Die Hilfe kam 3 bis 4 mal die Woche für ca. 3 Stunden. Sie kaufte ein, kochte für Papa, räumte die Wohnung auf und duschte ihn auch 2x in der Woche ausführlich oder sie lies ihm ein Bad ein. Sie hatte einen kleinen Hund Rico, der immer mit dabei war. Papa mochte den Hund sehr.

Ich selbst sah Papa 1 bis 2 mal in der Woche und wir telefonierten oft mehrmals am Tag. Häufig nur kurz, wie geht es dir/ wo bist du… Einmal in der Woche ging ich mit ihm essen, oft auch mit der ganzen Familie. Er liebte es seine Enkelinnen zu sehen und auch meine Mutter, seine Exfrau. Einmal im Jahr fuhren wir alle zusammen für ein verlängertes Wochenende in die Berge, auch das war ein Highlight.

Jeden Sonntag ging ich zu ihm nach Hause, um die Rechnungen und die Post zu checken. Relevante Unterlagen nahm ich mit nach Hause, ordnete alles und tätigte z.B. die Überweisungen. Das funktionierte völlig reibungslos, weil mein Vater mir nach seinem Schlaganfall auf Anraten eines gut befreundeten Anwalts eine Generalvollmacht ausgestellt hatte. So konnte ich jederzeit in seinem Sinne handeln und auch unterschreiben. Diese Vollmacht war bei allen Banken hinterlegt. 

Über 10 Jahre funktionierte das System wunderbar. Dann gab es einige Ereignisse, die mir sagten, dass ich leider etwas verändern muss.

Und dann war da noch die Geschichte mit dem Auto. Dazu mehr beim nächsten Mal!

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Beantragung Generalvollmacht (Generalvollmacht 2026: Umfang, Muster + Risiken | Pflegekompass), auch möglich erweitert als Vorsorgevollmacht (BMJV – Vorsorgevollmacht / Betreuungsverfügung), die über einen Notar im Vorsorgeregister hinterlegt werden kann (Zentrales Vorsorgeregister)

Pflegedienst und/oder Haushaltshilfe (– weitere Möglichkeiten: Tagesheim/Essen auf Rädern)